Am 31. August 2015 sprach die deutsche Kanzlerin Angela Merkel jenen Satz, der in der Zwischenzeit zu einem geflügelten Wort wurde. Jenen Satz, der in der Zwischenzeit von der Realität überholt wurde. Ach was heißt überholt? – überrundet! Mehrfach.

Ein Kommentar von René Rabeder

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Fünf Jahre später seufzen wir in unsere Masken

Was haben wir in diesen fünf Jahren geschafft, seit die Flüchtlingswelle über uns schwappte wie ein Tsunami, der alle bis zu diesem Zeitpunkt gültigen Regeln unserer Gesellschaft zu zerschmettern schien? Hauptsächlich haben wir eine Sache mit Nachdruck geschafft: Uns selbst ab.

Da sitzen wir nun, im Jahr 2020, in unseren zu bloßen „Demokratie-Simulationen“ verkommenen Heimatländern. Seufzen manchmal resignierend in unsere Schutzmasken und fragen uns, was eigentlich genau passiert ist. Wir erinnern uns an Grenzen, die nicht kontrolliert wurden. An das Versprechen von purem Gold und einer rosig-bunten Zukunft. Wir erinnern uns an ganz viel Gratismut eines großen Teils der Gesellschaft, dem scheinbar plötzlich erst dadurch Sinn gestiftet worden war, mit vollen Einkaufswagen und Teddybären auf Bahnsteigen das Glück herbei zu klatschen. Daran, wie wertlos uns auf einmal das Eigene zu erscheinen hatte, angesichts des edlen Fremden, das die Grenzen des Vorstellbaren – vor allem jene von uns zurückgebliebenen Rechtskonservativen – per Pedes überrannte und per Bahn überrollte.

Unsere Werte als Pfand

Wir werden täglich daran erinnert, dass wir unsere Werte, die wir als Pfand für das versprochene Gelingen hergegeben haben, niemals wieder zum vollen Wert zurückbekommen werden. Wir vergessen nicht, dass wir jenen gegenüber, die um ihre Rechte stritten und blutenden, unser Wort gebrochen haben. Dass wir unsere Frauen nicht mehr immer beschützen können. Dass wir unseren Kindern das alles nicht bieten können werden, das wir anderen vor die Füße legten.

2015 gaben wir uns in den drei Worten Angela Merkels das Versprechen, besser zu sein als andere. Die Kanzlerin schenkte allen, die sie für sich annahmen, die moralische Deutungshoheit. Ein Geschenk, das bis heute, tief in die Corona-Pandemie, nichts an seinem Zauber verloren hat. Wer Masken ohne Zweifel trägt ist ein besserer Mensch als jener, der es nicht tut. Wer vor fünf Jahren ohne zu hinterfragen fremde Kulturen willkommen hieß, ist ein besser Mensch als jener, der das bis heute nicht will. Wer vor fünf Jahren nicht am Bahnsteig stand, stand am Wochenende vor dem Berliner Reichstag.

Wir haben nicht Vieles geschafft in diesen fünf Jahren. Aber so Vieles für immer zerstört.

Bildquellen

  • Angela Merkel: Pixabay / JonasSchmidt1989