Sehr geehrter Herr Bundeskanzler,

Am heutigen Montag war für viele unserer Kinder der Schulstart angesagt. Ein kleiner Sessel bleibt in Salzburg aber dieses Jahr leer. Und auch für alle Jahre danach. Jener des achtjährigen Mädchens, das vergangene Woche so tragisch aus dem Leben gerissen wurde. Die eigene Mutter soll das Mädchen getötet haben. Wegen Corona, wie man munkelt. „Bald wird jeder von uns jemanden kennen, …“

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Ein offener Brief von René Rabeder

Liebe Grüße vom Abgrund

„Eine Freundin der Mutter erzählte am Tag nach der Tat den Reportern vor Ort, dass die Frau eine liebevolle Mutter gewesen sei. In Zusammenhang mit der Corona-Pandemie habe sie dann aber psychische Probleme bekommen“, fassen Journalisten das Drama zusammen.
Haben Sie schon einmal ein achtjähriges Mädchen lachen gehört, Herr Bundeskanzler? Können Sie sich vorstellen, wie es einer Mutter ergeht, die keinen anderen Ausweg mehr sieht, als das Lachen ihrer eigenen Tochter für immer zu ersticken? Können Sie sich auch nur für eine Sekunde vorstellen, wie es sich an jenem Abgrund anfühlen muss, an den Sie mit Ihrer Lockdown-Politik so viele Menschen gedrängt haben. Natürlich können Sie das nicht. Niemand von uns kann das. Aber bald wird jeder von uns jemanden kennen, …

… von den Träumen kleiner Seelen

Während das Lachen dieses kleinen Mädchens für immer verstummt ist, wird das der anderen versteckt. Hinter Masken. Hinter Stofffetzen. Wissen Sie was es für ein Kind heißt, seine Freunde und Schulkameraden nicht lachen zu sehen, Herr Bundeskanzler? Was es mit den Seelen und den Träumen kleiner Menschen macht, wenn die Angst regiert? Wenn Taferlklassler fürchten, die eigenen Großeltern zu töten, wenn sie mit diesen auch nur in Kontakt kommen. Wissen Sie was es für die Großeltern heißt, wenn sie nach dem ersten Schultag nicht besucht werden und keine aufgeregt und viel zu hastig erzählten Geschichten von der großen Tafel, dem witzigen Lehrer und dem süßen Inhalt der Schultüten hören? Wenn sie stattdessen bestenfalls Fotos von chinesischen Billigmasken anschauen müssen, über denen leere und angsterfüllte Augen hervorblicken. Mit mindestens zwei Schultüten Abstand zum nächsten Kind. Natürlich wissen Sie das nicht. Niemand von uns weiß das. Aber bald wird jeder von uns jemanden kennen, …

Am Ende des Lachens

Dieses Potemkinsche Dorf, das Sie sich auf Ihren durchgestylten Pressekonferenzen selbst erschaffen haben, gibt es nicht. Die Menschen, die Ihnen im Kleinwalsertal mit Fahnen zujubelten, waren nicht wir. Wir, sind jene (noch immer) schweigende Mehrheit, die so Vieles so geduldig erträgt, wie Sie es von uns verlangen. Wir sind jene (bislang noch) schweigende Mehrheit, die sich von Ihnen wie Schulkinder behandeln lässt. Aber wie den Schulkindern oben in diesem Brief ist auch unser Lachen langsam am Ende. Wir sind jene (bald nicht mehr) schweigende Mehrheit, die Sie noch kennenlernen werden, wenn Sie es tatsächlich erneut wagen, uns einzusperren. Die Mitglieder Ihrer Bundesregierung kennen uns noch nicht.
Aber bald wird jeder von ihnen einen von uns kennen.

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  • Sebastian Kurz: Alexandros Michailidis / Shutterstock.com